Prolog :


Der goldbraun funkelnde Bernstein, der an einem dünnen Lederband um seinen Hals hing, flog hinter ihm her und seine beiden Schwerter, deren Scheiden an zwei Ledergürteln um seine Hüften hingen und die Bänder seines Leinenhemds taten es ihm gleich. Erschöpfung machte sich immer mehr in ihm breit, doch er kämpfte hartnäckig dagegen an. Die Geschwindigkeit, mit der er sich fortbewegte, würde kein zweiter seines Volkes so lange durchhalten wie er, das wusste er. Wenn er es nicht schaffte, dann schaffte es niemand. Er zerschnitt förmlich die Luft. Mit dem Kopf voraus, seine azurblauen Augen stets nach vorn gerichtet, die Arme anliegend, eine leichte Staubwolke hinter sich herziehend. Der Sand unter seinen Füßen wurde mittlerweile wieder fester und es gab vereinzelte Büsche, Sträucher und Steine. Er würde die Grenze zu Unurakda jeden Moment erreichen, von dort sollte es nicht mehr weit sein. Noch eine Nacht.. und etwa einen halben Tag, dachte er bei sich.
Bald war es so weit, bald hatte er den Riss gefunden an dem der Übergang möglich war. Viele Jahre hatten er und sein Volk darauf gewartet; viele Menschenleben lang war die Hauptwelt ohne Licht im Dunkeln gestanden. Doch vor ein paar Tagen ist das passiert, was niemand nach so langer Zeit noch für möglich gehalten hätte. Fast eine ganze Woche war er jetzt unterwegs. Eine Woche - eine endlos lange Zeit, wie ihm jetzt vorkam, denn in jeder einzelnen Sekunde könnte sich der Riss für immer schließen und mit ihm aller Glaube... und alle Hoffnung.
Er stellte sich vor, wie ihn die Leute wohl ansehen mochten wenn er zurückkehrte und die Tore von Ondasur allein durchschritt. Er würde es nicht über's Herz bringen ihnen die Nachricht überbringen zu müssen, die ihnen die Hoffnung aus ihren Augen erlischen ließ. Nein, er konnte sie nicht enttäuschen, er durfte sie nicht enttäuschen.
Schlagartig nahm etwas ganz anderes seine Sinne in Anspruch; etwas, was er noch nie zuvor erlebt hatte. Seine Füße schnellten gleichzeitig nach vorne und gruben sich tief in den Sand... und zum ersten mal seit einer Woche stoppte er.

Risse in verschiedenen Welten, egal welche es auch sein mochten, hatten die Eigenschaft, sich zusammenzuziehen, wenn sie einmal entstanden waren. Von da an war es nur noch eine Frage der Zeit bis sie wieder verschwanden. Wie lange das jedoch dauert, ist beim besten Willen nicht einschätzbar. Ein Riss kann unter Umständen mehrere Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte bestehen, doch gibt es Risse, die die Wohltat zu existieren nur für ein paar Sekunden genießen. Nicht dass Risse etwas Lebendes darstellten, genaugenommen waren sie sogar das Gegenteil von Leben - die absolute Leere. Dass sich ein Riss jedoch nach seiner Enstehung vergrößert hat, hatte er noch nie erlebt. Es war nur ein leichter Impuls, den seine Sinne wahrgenommen haben. Wie ein warmer, sanfter Windhauch mit leisem, elektrisierendem Klang, der seinen verschwitzten und erschöpften Körper mit Gänsehaut überzog. Sein Oberkörper bebte rhythmisch und seine Lungen sogen bei jedem Atemzug so viel frische Luft ein wie sie konnten. Er war nicht mehr weit entfernt... doch wenn er die Veränderung des Risses hier schon so deutlich spüren konnte, konnten es die Unuri, die in unmittelbarer Umgebung des Risses lebten, mit Sicherheit auch. Für derartig starke Energieimpulse waren niemandes Sinne blind. Er musste sein Ziel erreichen, bevor es zu spät war und darauf hoffen, dass ihm die Unuri keine Probleme machten. Etwa morgen um die Mittagszeit würde er sein Ziel erreicht haben.
Er atmete ein weiteres mal tief ein, nahm all seine Kraft zusammen und stieß sich mit einem kräftigem Stoß ab. Sprung für Sprung, Satz für Satz, der dunkelroten, untergehenden Sonne, die flimmernd, knapp über dem Horizont hing, entgegen. Sofort fand er seinen Rhythmus wieder, und die stickige, stehende, warme Luft fing durch die Bewegung wieder an, seinen Körper leicht zu kühlen. Ein weiteres mal beschleunigte er sein Thempo.
Nein, es war nicht mehr weit.